Erna Zukowski erinnert sich – 1945

von Peter Schiller

Die verstorbene Frau Erna Zukowski, Tochter des Kriegsbürgermeisters von Lentföhrden, Hans Böge, hat die Nachforschungsarbeiten des Autors über mehr als zwanzig Jahre verfolgt und manchen wertvollen Hinweis auf das Geschehen in unse­rer Region gegeben. Im Jahr 2001 hat Frau Zukowski noch einen Bericht über die letzen Monate und über das Ende des Krieges in Lentföhrden verfaßt, der hier wiedergegeben ist.

Im April 1945 tobten auch über uns in großer Höhe verschiedene Luftkämpfe, deutsche Jäger gegen feindliche Verbände, wobei einige niedergehende Geschosse in unserem Anwesen an der Reichsstraße 4 in das Dach einschlugen, was auf Grund der Belegung mit Dachpappe für meine Familie sehr gefährlich war. Es hätte sehr leicht ein Brand entste­hen können.

Zwischen dem 15. und 18. April flogen britische Jäger im Tiefflug über die parallel zur Reichsstraße verlaufende AKN – Strecke und gen die Züge an, wobei es wischen Kaltenkirchen und Quickborn verletzte Insassen gab, die sich auf dem Weg zur Arbeit befanden.

Unter anderem wurde unser Nachbar Hans Mohr am Bein getroffen und war danach zeitlebens behin­dert. Auf der Reichsstraße 4 wurden zwischen Bad Bramstedt und Lentföhrden Flüchtlingstrecks beschossen, wobei eine Mutter von vier Kindern auf einem Pferdewagen sitzend schwer verletzt wurde. Soviel von den alliierten Angriffen auf wehrlose Menschen.

Ich, Erna, geborene Böge, war seit 1942 bei der 1. Marine Kraehr-Ausbildung-Abteilung zusammen mit anderen Mädchen aus der Umgebung als Stabshelferin in Springhirsch verpflichtet und konnte nach Dienstschluß jeden Abend nach Hause radeln.

1944 wurde ich nach Berlin-Lanke in die Nähe des Oberkommandos der Marine versetzt. Bei dem Näherrücken der Front wurden wir Marinehelferinnen Anfang März 1945 mit einem Zug unter großen Schwierigkeiten nach Hamburg gebracht und sollten dann in Flensburg- Weiche an einem neuen Standort wieder unsere Tätigkeit aufnehmen. Nach einer Woche wurde ein dort abgestellter Munitionszug bombardiert. Die Baracken wackelten, aber es passierte uns nichts.

Am 2. Mai 1945 wurden alle, die in Schleswig- Holstein wohnten, mit einem nachts aus Dänemark kommenden Zug nach Neumünster gefahren. Wir Mädchen standen nun da und überlegten, wie es weiter gehen könne. Also marschierten wir mit unse­ren Koffern zum Südbahnhof, der von Bombern total zerstört worden war. Da keine Züge mehr fuhren, versuchten wir daraufhin, Militärfahrzeuge anzuhalten, die nach Süden fuhren.

Schließlich hielt eine Kolonne von Luftwaffen-Lastkraftwagen ohne Verdeck an, die uns mitnahmen. Unterwegs bemerkten wir, dass wir auf Munitionskisten saßen, was natürlich nicht sehr angenehm war. Als englische Tiefflieger die parallel laufende Eisenbahnstrecke der AKN zwischen Bad Bramstedt und Lentföhrden abflogen, hielt die Kolonne an. Aus dem vorausfahrenden PKW stieg ein Offizier auf und fragte: ‚Mädchen, wer weiß wo in Lentföhrden der Bürgermeister wohnt? Wir müssen dahin!“ ich meldete mich: ‚Das ist mein Vater“. Ich stieg zu denen im PKW und 10 Minuten später gegen 06.00 Uhr morgens waren wir an meinem Elternhaus. Verschlafen kam mein Vater und meinte: Ich bin erst um 05.00 Uhr ins Bett ge­kommen, habe in der Nacht westlich des Dorfes einige Einheiten der Wehrmacht in den kleinen Wäldern untergebracht. Auch hinter der „Wald­burg“ im Wald sind Soldaten untergekommen. Der Hauptmann bemerkte daraufhin, dass er gekommen sei, um die Verteidigung von Lentföhrden zu organisieren.

Die anderen Mädchen wollten weiter und sind auf eigene Gefahr, z T. mit einem dänischen Fischlaster gefahren. Mein Vater hat sie noch eindringlich auf die Tieffliegergefahr hingewiesen, da die Tommys auf alles geschossen haben, was sich bewegte.

Zuhause erfuhr ich, dass in der vorherigen Nacht eine deutsche Einheit einen Kommandostand bei Wilhelm Mohr am Bahnhof an der Reichsstraße 4 und einen weiteren an der Ecke Kaltenkirchener Straße / Reichsstraße 4 bei dem Bauern Hinrich Timm in den dortigen Räumen eingerichtet hatte. Lange Zeit nach dem Krieg stellte man dann fest, dass in dem Brunnen bei Mohr große Mengen von Munition lagen.

Auf unserem Hof hatte mein Vater in eine Böschung hinein einen mit Balken abgestützten Bunker gegraben, jeder schützte sich so gut er konnte. Wenn starke Bomberverbände über der Deutschen Bucht gemeldet waren, musste meine kleinere Schwester Lore Böge, verheiratete Mallasch, in die Schule rennen und dort, da die Schule kein Telefon hatte, Alarm geben. Die Schüler liefen dann schnell nach Hause. Außerdem musste sie mit dem Fahrrad nach Lager 2 und 3, damals zu Lentföhrden gehörend, später Gemeinde Heidmoor, fahren, um dort Meldungen hinzubringen.

Am 3. Mai 1945 war ich im Elternhaus angelangt, trennte von meiner Marinekleidung den Adler ab und unterstützte meinen Vater im Gemeindebüro. Es war eine aufreibende Zeit mit all den Soldaten, die in Richtung Hamburg zurückstrebten, den Ausgebombten und den Flüchtlingen. Alle mussten mit Papieren versorgt werden, Lebensmit­telkarten, Unterkünften.

Ich trug zum Selbstschutz einen Wehrmachtskittel, um überzeugender zu wirken, dass ich „einer der Ihren“ sei. Oft gab es in der angespannten Situation auch „Schimpfereien“.

Am 5. Mai 1945 kamen die ersten Engländer, voraus ein Kradfahrer und ein Jeep und traten als Besatzer auf. Sie ließen die französischen und polni­schen Kriegsgefangenen frei und stellten diesbezügli­che Forderungen. Zwei Wochen später kam ein englischer Captain und enthob meinen Vater seines Amtes. Er setzte mich ungefragt statt dessen ein. Meinem Vater geschah nichts, da die Kriegsgefangenen aussagten, dass „Böge ein guter Mann gewesen sei und sie es im Rahmen der Möglichkeiten gutgehabt hätten“.

Bahnhofsgaststätte und Schümann wurden von den Tommys bewohnt. Auf dem Bahnhofsgelände standen Nissenhütten, die nach dem Abzug der Engländer als Notunterkünfte genutzt wurden.

Alle Papiere und Niederschriften hat mein Vater nicht verbrannt und sie dem späteren Bürgermeister kartonweise auf dem Milchwagen hingefahren uni übergeben.

Als später ein weiterer Bürgermeister nach den Ak­ten fragte, wurde ihm mitgeteilt, dass nichts vorhan­den sei. Es stellte sich dann heraus, dass diese unersetzlichen Dokumente – auf Grund des allgemeines Verbrennungsbefehls konnten der Forschung bisher nur wenige solche Unterlagen zugängig gemacht werden – bei einem Bauvorhaben in einem Container entsorgt worden sind.

Uwe Looft aus Lentföhrden bemerkt zu dem Text, dass es bei dem Namen Hinrich Timm richtigerweise Hinrich Timm-Bö heißen muss und dass seines Wissens der
Engländer den unmittelbaren Nachbarn von Hans Böge, Hinrich Theege (Postagent und Kaufmann) als Bürgermeister einsetzten. Einer Kopie des ersten Nachkriegsprotokolls vom 8.12.1945, das ebenfalls Uwe Looft zugängig gemacht hat, ist zu entnehmen, dass am 26. Mai 1945 der Posthalter und Kaufmann Hinrich Theege durch den Landrat mit Zustimmung der Militärregierung als Bürgermeister eingesetzt wurde.

Am 8. Dezember 1945 wurden dann als Gemeinderäte Wilhelm Mißfeld, Hinrich Schröder, Karl Oeser und Wilhelm Mölke, der an diesem Tag verhindert war, eingeführt und verpflichtet.

Erna Zukowski hat möglicherweise nach der Absetzung ihres Vaters die Schreibarbeiten bis zur Einsetzung von Hinrich Theege am 26.5.1954 ausgeführt.

Die Gemeinde Lentföhrden hat 62 Kriegstote und Vermisste zu beklagen.

 

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