Haus Waldburg – Gut Waldburg

von Uwe Looft, Lentföhrden und Hans Mißfeldt, Rellingen
-Textauszug-

     Dieses Haus in Lentföhrden, das gewiss kein Spukschloss war, ist in den
Ursprüngen kaum noch wiederzuerkennen. Anbauten wurden abgerissen, Umbau-
ten und Erweiterungen folgten der jeweiligen Nutzung. Das ist, historisch gesehen,
traurig, aber verständlich. Wir müssen das Haus mehr als Wirtschaftsunternehmen
denn als reines Wohngebäude ansehen.

Die Apokalypse am Mittag
Der 1. Juli 1903 war nach den Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg der Tag
der größten Katastrophe der bekannten Ortsgeschichte.
Im Flurbereich Hörn standen neun Gebäude, alle strohgedeckt, davon vier Bauernhäuser. Wie das Feuer entstand, ist damals nicht restlos geklärt worden. Um 13 Uhr war die Brandsäule schon weithin sichtbar. Innerhalb kurzer Zeit standen alle neun Gebäude in Flammen. Die Feuerwehren aus Lentföhrden, Bramstedt, Kaltenkirchen. Weddelbrook und Nützen wurden alarmiert. Allein, die Anfahrt dauerte für die pferdebespannten auswärtigen Wehren teilweise recht lange.
Damit war die Feuerbekämpfung von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die
Gebäude brannten auch alle bis auf die Grundmauern nieder, Inventar war nahezu
nicht zu retten. Aber aus dem Feuer wurde man klug:
Eine so dichte Bebauung gab es nicht wieder. Hinrich Wessel baute seinen
Hof in Bahnhofsnähe wieder auf. Auch Wilhelm Böge wechselte geringfügig den
Standort (heute: Familie Helmut Böge). Er baute dort, wo ehemals der Wessel-
Hof stand. Der Neubau wurde größer ausgeführt als das abgebrannte Anwesen,
so dass der Wohntrakt in den Bereich der alten Dorfstraße hineinragte. Das hatte
eine Verlegung der Straße zur Folge (die heutige Streckenführung der Straße Zur
Waldburg). Die anderen Gebäude wurden hier nicht wieder aufgebaut.
Neben der Katastrophe für die Betroffenen sollte dieses Feuer aber noch völlig
unabsehbare Folgen haben…

Glücksritter Marinus
Als direkte Folge der Brandkatastrophe bot Bauer Hinrich Wessel in einer Versteigerung am 24. August 1903 42 Parzellen Land zum Verkauf an. Die Auktion führte Makler Marinus Petersen aus Alveslohe durch.
Auch wenn er nicht jede Parzelle an den Mann bringen konnte, das Flurstück Hansch ersteigerte der Arbeiter Hinrich Westphal für 135 Mark. Marinus muss an diesen 3 Parzellen, warum auch immer, interessiert gewesen sein. Bot er doch selbst, wenn auch spät, 130 Mark. Westphal jedenfalls bekam den Zuschlag nicht.
Ob Marinus auf Wessel Einfluss nahm, bleibt unbekannt.
Der Grundbucheintrag vom 28.09.1903 lautete auf seine Frau Olga, geb. Elvers.
Das Ehepaar hatte zwei Söhne, Gerhard und Robert. Gerhard wurde später ein
bekannter Flieger. Über Herkunft und Verbleib der Familie ist so gut wie nichts
bekannt. Von Marinus Anton Hermann Petersen wissen wir, dass er am 06.06. 1862
in Klockenhagen, Ostholstein, geboren wurde. Zu Olga Elvers fanden sich keine
Spuren. Sohn Gerhard wurde 1894 auf Gut Olgashof in Mecklenburg geboren,
sein Vater war Pächter des Gutes. Dort kennt man ihre Namen heute nicht mehr.
Danach hatte Marinus das Kirchengut Ovendorf bei Negenharrie in Pacht. 1911
brannte das Pastorat der Kirchengemeinde Kirchbarkau mit nahezu allen Aufzeichnungen über das Gut Ovendorf ab. Aber einiges blieb trotzdem überliefert: Im Jahre 1345 vermachte es die Familie Pogwisch vom Rittersitz Bistiksee (heute: Gut Bothkamp) der Kirche zu Barkau. Bekannt ist noch die Pachtsumme für das Jahr 1898: 6.500 Mark. Es lebten 46 Menschen in 7 Haushalten. Marinus Petersen war in Alveslohe sehr aktiv, auch wenn sein Firmensitz offiziell in Bad Oldesloe blieb.
Er parzellierte den Alvesloherhof, besaß dort das erste Motorrad. Kaisertreu und
national eingestellt war er, als Vorsitzender des Nationalen Wahlvereins wetterte er
heftig gegen die Sozialdemokratie.
Durch den Verschönerungsverein war er an der Erstellung des heute noch vorhandenen, 1904 errichteten Kaiser-Wilhelm-Denkmals, beteiligt. 1907 bat er Kaiser Wilhelm II. sogar um Überlassung von zwei Kanonen für das Denkmal, aber das ging den Preußen wohl doch zu weit. Das Kriegsministerium lehnte ab, weil zu dem gewünschten Zwecke keine geeigneten Geschütze verfügbar seien.
Er machte sich um den Ort nachhaltig verdient, indem er zahlreiche Handwerker ansiedelte. Der Name Peterstraße erinnert noch heute an ihn. Eigentlich müsste

Vorn mit Spaten: Marinus Petersen

sie ja Petersenstraße heißen, aber im Dorf hieß es immer nur Peters sein Stroot.
Und dann ist das so hängengeblieben.
Als Makler brachte es Marinus zu einem gewissen Wohlstand, der sich, damals
durchaus üblich, in einem ansehnlichen Bau widerspiegeln durfte. Ihm, der sich
aus kleinsten dörflichen Verhältnissen etwas hervorheben konnte, war seine Selbstdarstellung wichtig. Ursache für den Villenbau dürfte das sogenannte Jagdhaus
(Luhn’sche Haus) des Margarinefabrikanten und Jagdpächters Johannes Schmidt
aus Hamburg-Bahrenfeld gewesen sein.
Dieses Haus wurde 1909 gebaut, 1910 begann Marinus mit seiner Villa. Die musste dann schon etwas größer ausfallen und natürlich ein besonderes Kennzeichen haben: Den Burgturm. Geld spielte wohl kaum eine Rolle, Prestige war wichtiger. Noch liefen die Geschäfte gut.
Marinus Gebäude umfasste etwa 1/3 des heutigen Bauvolumens. Besonders bemerkenswert sind die noch heute erhaltenen, bleigefassten Glasfenster beim
ehemaligen Eingang, die Hamburger Motive zeigen.
Der quirlige Makler kaufte Abbruchmaterial in Hamburg, besonders kleinformatige Ziegel. Die hiesigen Ziegeleien stellten ein größeres Format her, das für ein Gebäude mit Rundturm, Bögen und Verzierungen weniger geeignet war.
Wahrscheinlich war das Abbruchmaterial trotz Transportkosten auch noch billiger.
Jedenfalls sind die vielen Materialtransporte auffällig gewesen.
Der obere Ring des Burgturms wurde nach 1945 wegen Baufälligkeit abgetragen.
Wie lange Familie Petersen die Villa selber bewohnte, ist nicht feststellbar. Wir
können zumindest die Jahre 1911-1916 als sicher ansehen.

Die Steine des Anstoßes: Das Jagdhaus

Bauen war zu jederzeit teuer, die Kasse jetzt leer. Es gab mehrere Kreditgeschäfte mit Bauer Hans Ratjen. Von ihm erwarb er 1912 das Flurstück Rümels in den Saaren, Die Fläche betrug 2 ha 23 ar, der Preis 1.196,80 Mark. Schon 1914 sollte die Liegenschaft zwangsversteigert werden.
Ob das gelang, wissen wir nicht, für 1917 sind noch Zinsforderungen über den
gesamten Kaufpreis nachweisbar. Zusätzlich hatte er noch bei Bauer Ratjen einen
Kredit über 3.500 RM laufen, der mit 140 Mark verzinst wurde. Ab 1918 blieben
alle Zahlungen aus.
Nach 1912 ist keine Tätigkeit als Makler oder Auktionator nachweisbar. Für
den Zeitraum 1913-14 ist Marinus in Bad Oldesloe, Mühlenstr. 7, ansässig. Immer
auf der Flucht vor seinen Gläubigern meldete sich der national eingestellte 53-
Jährige 1915 freiwillig zum Kriegsdienst, er wurde als Wachmann an der Ostfront
übernommen.
Nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk wurde er Ende 1917 entlassen.
In einem Brief vom 26.10.1916 schrieb Margarethe Gripp (die spätere Frau Ratjen): …Diese Woche waren Johannes Holst und Johann Gooden hier auf Urlaub waren, hatten beide 14 Tage, wurden aber schon am 5. Tage wieder zurückgerufen. Der alte Petersen ist hier auf 3 Wochen gewesen.
Am 09.11.1916 beantwortet sie eine nicht erhaltene Feldpost und nimmt deutlich ungehalten Stellung zu einer Äußerung von Hans Ratjen:
Du schriebst neulich über Petersen. Er ist freilich bei Deiner Mutter gewesen,
aber nur auf 10 Minuten. Hat aber kein Geld mitgebracht, auch nicht einmal ein
Wort davon gesagt, er hat wohl nicht nötig, seine Schulden zu bezahlen.
Für das Jahr 1917 ist er wieder in Bad Oldesloe gemeldet. 1918 verkauft er
Holzstangen über eine andere Firma. Danach ist nur noch der Eigentümerwechsel
durch das Grundbuch zu belegen, weitere Spuren fanden sich erstaunlicherweise
nicht mehr.

Voll in die Hose
Textilhändler Wilhelm Möller aus Hamburg kaufte und verkaufte im gleichen
Jahr die Waldburg.
Er war Teilhaber der Firma Richard Beck KG, Herrenausstatter, Große Bleichen
22. Beste Hamburger Citylage.

    Wilhelm Möller hatte auf einen siegreichen Kriegsausgang gesetzt, in Kriegsanleihen investiert und damit sein Vermögen verloren.
Es bestanden finanzielle und persönliche Kontakte zu Landmann Hans Ratjen
aus Lentföhrden. Diese Familie hatte auch Anleihen gezeichnet, konnte den Verlust
aber besser verkraften.
In den 20er Jahren geriet die Firma in Schwierigkeiten.
1925 wurde über die Richard Beck KG die Geschäftsaufsicht angeordnet.
Die Firma C. Laurentius & Co. aus Berlin pfändete Waren im Wert von 20.000
RM. Die Pfändung wurde erfolgreich angefochten, die Textilien waren aber stark
wertgemindert, da sie nicht mehr der aktuellen Mode entsprachen. Der Schaden
entsprach nahezu dem Warenwert.
Ende 1927 bedankte sich Möller bei Ratjen für die wohlschmeckenden Weihnachtsgänse und bat gleichzeitig um Verlängerung eines Wechsels. Etwas Galgenhumor hatte er wohl noch. So schrieb er, etwas chinesisch gelernt zu haben:
Kriegsanleihen hießen danach Pinke, Pinke, futschi, futschi.
Am 27.03. 1928 erhielt Möller von Hans Ratjen erneut ein Darlehen in Höhe
von 4.000 Goldmark. Als Sicherheit wurde der Warenbestand verpfändet und ein
Wechsel über 4.000 RM gezogen. Aber alles zu spät.
Aufgrund rückständiger Mietzahlungen und Steuerschulden wurden am 10.04.
1928 die Zahlungen eingestellt.
In einem Brief an Ratjen schrieb Möller noch: …ich bin jung und werde auf alle
Fälle dafür sorgen, dass ihr nichts bei mir verliert, ich werde Euch den Betrag nach besten Kräften abtragen. Sodass Ihr zu Eurem Geld kommt.
Am 30.04.1928 wurde das Konkursverfahren eröffnet. Alleinhaftender Gesellschafter, aber nicht Alleininhaber, war Wilhelm Möller aus Rahlstedt. Beck wird
nur noch mit seinem Gesellschaftsanteil gehaftet haben müssen.

Frau Möller, Wilhelm Möller, Margarethe Ratjen

Am 06.12. 1928 teilte Konkursverwalter Vogler den Gläubigern mit, dass Einstellung des Konkursverfahrens mangels Masse erfolgen müsse. Die Verbindlichkeiten betrugen 59.000 RM.
Soweit bekannt, hat Hans Ratjen sein Geld nicht wiederbekommen.
Hier enden die erhaltenen Aufzeichnungen, Trotz aller Beteuerungen hatte Möller wohl doch eine konkrete Vorstellung vom Betrug:
Familie Ratjen wurde einmal nach Rahlstedt in Möllers Villa eingeladen. Dort gaukelte man ihnen eine funktionierende heile Welt vor, obwohl die Finanzlage schon kritisch war.
Unter der Hamburger Adresse Große Bleichen 22 ist für das Jahr 1938 ein Schuhgeschäft namens Ero Schuh. Inhaber Rudolf Oberschützky, bekannt. Der Betrieb wurde arisiert, wie die Enteignung von jüdischem Eigentum damals wohlklingend bezeichnet wurde.

Zwei Namen – und zwei Fragezeichen
Die beiden Eigentümer, die auf Wilhelm Möller folgten, bleiben vorerst im Dunkel der Geschichte. Bisher kennen wir nur ihre Namen.
Landwirt Paul Schwarz kam aus Schwante, Kreis Osthavelland, Brandenburg.
Sein Nachfolger Dr. phil. Willy Johannes Theobald Moeller (1922-1923) kam
aus Altona. Wir können hier vermuten, dass die Waldburg als Spekulationsobjekt
diente oder inflationsbedingt ge- und verkauft wurde.

Geld kommt, aber kein Wohlstand für alle
Mit Bankier Karl Max Georg Otto Gutschke, Generaldirektor der Danatbank in Hamburg, kam Mitte 1923 auf dem Höhepunkt der Inflation endlich Geld zur Waldburg.
Geboren 1872, wurde er 1913 Direktor der Deutsch-Asiatischen Bank in Kalkutta/lndien. Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges wechselte er nach Hongkong, wurde aber im November 1914 aus der Kronkolonie ausgewiesen. Er kam nach Shanghai, das er kriegsbedingt 1918 auch verlassen musste.
Die Familie war kurzzeitig in Berlin und kam dann nach Hamburg.

Johannes Detlev Hermann Ahrens

Die Danatbank stand damals durchaus nicht im zweiten Glied, nach der Deutschen Bank war sie das zweitgrößte Kreditinstitut des Reiches.
Als Generaldirektor für Hamburg dürfte Gutschkes Einfluss nicht unerheblich
gewesen sein.
Für die Jahre 1929-1939 sind diese Tätigkeiten als Aufsichtsrat für die Hamburger Firmen Vereinigten Jute-Spinnereien und Webereien, Guatemala Plantagen-Gesellschaft, Hamburgische Bank von 1923, Mathias Reederei AG und der Lenora-Werke nachweisbar. Als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender fungierte er bei der Chemischen Fabrik Billwärder, vorm. Hell & Stahmer, und der Holsten-Brauerei (bis 1957).
Einem Mann in dieser Position stand ein vorzeigbares Anwesen also gut an.
Dass er 1925 den Jagdschein machte, ist nicht verwunderlich, war das doch standesgemäß.
Gutschke rettete sein Vermögen, indem er in Immobilien investierte. Ein Mann
wie er wusste mit Geld umzugehen.
Er kaufte die Flächen (inklusive Wald) des später so genannten Gutes Waldburg
in der Krisenzeit günstig zusammen und ließ die Wirtschaftsgebäude errichten.
Das Grundbuch bezeichnet ihn als Landentwickler.
Allerdings war der Kaufmann im Bereich Landwirtschaft eher Laie und trug bei seinen Tagelöhnern unfreiwillig zur Erheiterung bei. Zur Erntezeit erteilte der nunmehrige Gutsherr oft unsinnige Anweisungen, die von den Landarbeitern ausgeführt werden mussten, aber sie dachten sich ihren Teil dabei. Als ständiger Wohnsitz war die Villa nicht gedacht, eher als Residenz. Die Familie lebte weiterhin überwiegend in Hamburg an der Alster, Schwanenwik 27.
Das hiesige Obergeschoss hier blieb ihnen vorbehalten. Die jüngere, vermutlich zweite Frau Gutschke fand am Landleben nicht recht gefallen. Sie konnte den Besuchen auf der etwas abseits gelegenen Waldburg keinen rechten Reiz abgewinnen. Der Besitz wurde zerlegt, das war profitabler und potenzielle Käufer waren leichter zu finden. Alle Gebäude zusammen mit den Ländereien hatten nach heutiger Kaufkraft einen Wert von rund 1. Mio. € .
1934 wurde der Wirtschaftsteil verkauft, Ende 1936 die Villa.
Der Grund für den Verkauf der Landwirtschaft dürfte in der schlechten Ertragslage des Agrarteils liegen. Die Pächter kamen mit den relativ schlechten Bodenverhältnissen nicht zurecht. Der Kaufmann Gutschke kaufte das Land wohl eher nach Preis statt Bodenqualität. Für diese These spricht auch, dass die Flächen teilweise recht entfernt vom Hof lagen.
Die Waldungen verblieben bei der Villa. Er war ja weiterhin als Jäger aktiv.
Käufer Kruse brauchte zum Erwerb der Ländereien einen Kredit, den er bei der
Dresdner Bank bekam. Möglich, dass er durch Gutschkes Bankbeziehungen vermittelt worden ist.
Familie Gutschke hatte zwei Kinder: Elisabeth, verheiratete Wittmaack und Otto, der sich in den 30er Jahren in Kamerun aufhielt. Mehr ist nicht bekannt geworden. Gutschkes blieben in Hamburg, wurden im Krieg ausgebombt. In der Nachkriegszeit kamen sie noch einmal nach Lentföhrden zurück und besuchten Familie Kruse. Was mögen sie da empfunden haben?
Die unteren Räume standen dem Pächter zu.
Der erste war ein gewisser Greve. Er besaß eine Zucht von Minorka- und
Rhodeländer-Zwerghühner und bot sie per Zeitungsannonce an. Im Oktober 1923
erwischte er Landarbeiter, die bei der Dreschmaschine arbeiteten, beim Getreidediebstahl. Sie wurden sofort entlassen.
Für die Zeit von 1925 bis 1934 war Hermann Ahrens (*31.06. 1866) mit seiner Ehefrau Bett}  (*18.02. 1876) Pächter. Über Pachtbedingungen ist leider nichts bekannt.
Er stammte aus Klein Harrie, sie kam vom Gut Wensin.
Hermann Ahrens war zuvor Pächter auf Gut Travenort, später auf Gut Kamp,
beide im Osten des Kreises. Gut Kamp musste er aufgeben, weil die Familie Isenberg den Besitz von Gut Wensin zurückkaufte.

Nach dieser Zeit sehnte er sich zeit lebens zurück:
Dort waren die Voraussetzungen einfach besser. Die Böden hier sind vergleichsweise schlecht, die Arbeit eine Plage. Eine Köcksch oder ein Knecht, das war einfach nicht drin. So fuhr er einmal zur Jahrmarktszeit nach Bad Bramstedt, um Vieh zu verkaufen. Das Geschäft verlief aber so schlecht, dass er nicht einmal daran dachte, eine Zucker stange für die Kinder mitzubringen. Oder er konnte es sich nicht leisten.
Nach Ende des Pachtvertrages setzten sich die Ahrens sehr bescheiden Johannes Detlev Hermann Ahrens zur Ruhe. Sie wohnten bei Bauer Hans
Pohlmann auf Lager 1.
Dass sie es nicht zu Wohlstand brachten, belegt auch eine 1945 im Höhe von 30 RM gezahlte Feuerungsbeihilfe.
Trotz aller Schinderei haben beide ein gesegnetes Alter erreicht.
Betty wurde 90, Hermann verstarb mit 82 Jahren. Sie wurden beide in Warder begraben. Verwalter von 1934 bis zum Verkauf 1936 war Rudolf Vogel aus Eutin.

Gut Waldburg
Das Jahr 1934 brachte große Veränderungen für die Waldburg. Der landwirtschaftliche Teil wurde von der Villa getrennt. Ländereien und Gebäude des Wirtschaftsteils standen zum Verkauf. Das lebende und tote Inventar wurde von der Maklerfirma Julius Schnoor aus Bad Bramstedt versteigert.
Zu dieser Auktion hatten sich zahlreiche Kauflustige aus der näheren und weiteren Umgebung eingefunden.
Die Preise wurden als recht gut bezeichnet. So brachte ein Arbeitspferd ca. 700
RM, Hornvieh etwa 300 RM das Stück.
Landwirt Bernhard Kruse (*02.12. 1908) aus Klein-Offenseth erwarb Scheune
und Ländereien für ca. 35.000 RM. Die landwirtschaftlichen Flächen betrugen
33 VS ha. Den väterlichen Hof übernahm er nicht, er wollte etwas Eigenes. Schließlich hatte er auch noch drei Geschwister. Aber sein Vieh kaufte er vorn elterlichen
Hof. Er betrieb eine Zucht von hochwertigen rotbunten Rindern.
Eine Wohngelegenheit war in der Scheune nicht vorhanden, 1935 baute er selbst
drei kleine Räume ein. Während dieser Zeit logierte er in der Bahnhofsgaststätte.
Als das geschafft war, suchte er Hilfe im Haushalt und annoncierte. Hierauf bewarb
sich Erna Dittmer aus der Kremper Marsch.
Sie hatte das Abitur in der Tasche und hatte eine abgeschlossene Ausbildung als
Hauswirtschafterin. 1937 war Hochzeit.
Bauer Kruse war eher klein von Wuchs. Seine Berufskollegen belächelten ihn
oft, weil sie seine Flächen für recht unergiebig hielten und ihm die Bewirtschaftung
nicht so recht zutrauten. Aber es kam anders.
Beim Wodansberg baute er so erfolgreich Hafer an, dass ihn die Schmalfelder
nur noch respektvoll den Haferbauern nannten. Auch seine sonstigen Erträge lagen
oft über dem örtlichen Durchschnitt. Willi Pohlmann konnte nicht recht verstehen,
wie viel Kartoffeln Kruse auf dem kargen Acker erntete.
1936 bekam der Betrieb im Rahmen des Erbhofgesetzes die Zusatzbezeichnung
Waldburghof. Sohn Reimer kam 1938 zur Welt, Tochter Elfriede 1939 und 1940
die kleine Annemarie, die schon 1945 verstarb.

Erna Kruse. Elfriede Kruse, Reimer Kruse, Bernhard Kruse, Annemarie Kruse

Bernhard Kruse wurde Soldat, konnte jedoch nach einer Verwundung frühzeitig
heimkehren. Nachdem sich die militärische Lage deutlich zugunsten der Alliierten
gewendet hatte, wurde er wieder zur Wehrmacht einberufen und fiel am 05.09.
1944 in Italien.
Jetzt wurde Reimer, nicht die Ehefrau, Eigentümer des Hofes.
Damit begann die wohl schwerste Zeit im Leben der Erna Kruse:
Der Mann gefallen, der frühe Tod der kleinen Annemarie, und der Betrieb
musste doch bewirtschaftet werden. Aber die zierliche Frau schaffte es!
Mit Hilfe verschiedener Knechte unter Leitung von August Bock, und später
auch der Kinder, gelang es, Familie und Betrieb durch die schweren Nachkriegs-
jahre zu bringen.
Die Landwirtschaft wurde 1963 aufgegeben. Die zähe, zierliche Erna Kruse
verstarb im Alter von 92 Jahren. Sohn Reimer führt den Betrieb in Form einer
Baumschule weiter.

Unser Mann in Afrika: Hugo Erdmann
Aus Westpreußen stammte die begüterte und weitverzweigte Familie Erdmann.
Hugo Erdmann wurde am 29.03. 1884 in Lewinno (Lewino), Kreis Neustadt,
geboren. Er wer Freimaurer und begann mit dem Musikstudium, wechselte jedoch
bald an die TU Berlin zur Geodäsie (Vermessungstechnik).
Das Studentenleben war wühl recht unbeschwert, und die Eltern drohten damit,
wenn er das Studium nicht fristgerecht beenden würde, dann müsse er für ein Jahr
in die weite Welt. Es kam, wie es wohl kommen musste: Es verschlug ihn ins
damalige Deutsch-Ostafrika
Und er entwickelte eine große Liebe zu dem Land.
Auch im 1. Weltkrieg konnte er sein Fernweh ausleben, zuerst leistete er Dienst
unter Hindenburg an der Ostfront, dann kam der Tropenkenner nach Persien, Über
diese Zeit plante er ein Buch, veröffentlicht wurde es nicht. Den Krieg beendete
er als Oberleutnant.
1919 kehrte er zurück nach Afrika in das Land, das jetzt Tanganyika hieß. Im
Auftrag der Britischen Mandatsregierung führte er bis 1934 Vermessungsarbeiten
als selbstständiger license surveyor durch. Er hielt sich in Kijango, Mwembe und
in Wilhelmstal (heute: Lushoto) nahe des Usambara-Gebirges auf. In Wilhelmstal
lernte er seine zweite Frau, die Witwe Klara Kochems (geb. Krüger, *23.02. 1900
– †22.10.1944) kennen. Beide brachten je drei Kinder mit in die Ehe, alle in Afrika
geboren.
Grund für die Rückkehr war die drohende Kriegsgefahr, vor der ihn sein
britischer Freund Major Leed warnte. Auch sollten die Kinder eine europäische
Schulbildung bekommen.
1935 besuchten die Eltern das Hamburger Tropenkrankenhaus zwecks Malariabehandlung. Dabei stießen sie auf eine Zeitungsannonce, in der die Waldburg angeboten wurde. Der Kaufvertrag wurde im Dezember 1936 besiegelt, der Preis betrug ca. 35.000 RM (das entsprach dem Gegenwert von 35 Volkswagen, wenn es ihn denn gegeben hätte).

Kristin Erdmann. Hermann Kochems, Werner Kochems, Eva Erdmann. Siegfried Kochems, Walter Erdmann, Klara Erdmann, Hugo Erdmann.

Die Familie war kinderreich, zwei Mädchen und vier Jungen. Die lebenslustigen Kinder, aufgewachsen in afrikanischer Ungezwungenheit, trieben so manchen Schabernack, der damals für Aufsehen sorgte. Beispielsweise fuhr Eva mit demMotorrad so lange im Kreis, bis der Sprit alle war. Fahren konnte sie, aber wieman anhält, das wusste sie nicht. Oder waren die Beine noch zu kurz? Gut. dassfür solche Aktionen eigener Wald vorhanden war.
Hugo Erdmann betrieb ein Vermessungsbüro, war jedoch aufgrund eines Herzleidens viel zur Schreibtischarbeil verurteilt.
1940 verkaufte er das Anwesen an Christian Staack.
Es war wieder Krieg, das Haus zu groß; Drei Kinder waren außer Haus (Wehrmacht. Arbeitsdienst). Benzin knapp. Da bot Wrist mit den guten Zugverbindungen
eine Alternative. Die Familie erwarb hier eine Villa mit Grundbesitz.
Während des 2. Weltkrieges meldete er sich freiwillig zu Rommels Afrikakorps.
Seine Aufgabe bestand darin, Luftlandemöglichkeiten zu erkunden. Den Krieg
beendete er als Major.
Das Vermessungsbüro betrieb er auch in Wrist weiter (der Betrieb existierte
unter seinen Nachfolgern noch lange Jahre in Itzehoe weiter).
Nebenher schrieb er über seine Afrikaerfahrungen und Großwildjagden mehrere Bücher. Später erschienen in der Rubrik Auf der Wildbahn Zeitungsartikel.
Begonnen hatte Klara Erdmann damit im Segeberger Kreis- und Tageblatt.

Hogo Erdmann in Kijango mit Jagdtrophäen.

Nach dem frühen Tod seiner 2. Ehefrau heiratete er noch ein drittes Mal.
Hugo Erdmann verstarb am 18.01.1951. Seine letzte Ehefrau Gertrud überlebte
ihn bis 1991. Auf dem Stellauer Friedhof befindet sich das Familiengrab. Die Wrister Villa befindet sich bis heute im Familienbesitz.

Die Rote Straße Nr. 4: Staack und stark
Christian Johannes Staack wurde wohl am 11.12.1883 in Wippendorf, Kreis Flensburg, geboren. Ganz sicher ist das nicht. In allen bekannten Urkunden wird dieses kleine Dorf als Geburtsort verzeichnet – nur in den dortigen Kirchenbüchern ist er nicht verzeichnet.
Dies ist bisher nicht erklärlich. Er war evangelischer Konfession.
Rebecka Frieda Staack, genannt Ricke, verwitwete Hirsch, erblickte am 10.09.1867 in Leer, Ostfriesland, das Licht unserer Welt. Sic war eine gebürtige Rosenstein und mosaischen Glaubens. Für 1947 ist ihre Mitgliedschaft bei der Jüdischen Gemeinde in Hamburg unter der Mitgliedsnr. 1217 belegt.
Das Haus Rote Straße Nr. 4 war Ausgangs- und Zielpunkt einer wahren Odyssee:
Am 02.02.1896 zog Rebecka Rosenstein als Wirtschafterin in das Haus des
Kaufmannes Moses Hirsch.
Für den 04.08.1910 wissen wir, dass eine Martha Rosenstein in die Rote Straße
zog, am 05.10.1910 eine Zerline Rosenstein und 1911 noch ein Händler Siegmund
Rosenstein. Da der Zusammenhalt in jüdischen Familien stets groß war, können
wir hier Familienbesuche unterstellen (Iris Berben formulierte es einmal so: Eine
jüdische Familie ist wie eine Festung).
Die Familiengeschichte ist hier von besonderem Interesse:
Rebecka war in erster Ehe seit 1905 mit dem Kaufmann Moses Esaias Hirsch
(*04.04.1824) aus Friedrichstadt verheiratet. Interessant hier, dass die reife Frau
einen nahezu 43 Jahre älteren Partner wählte. Wir können eine Versorgungsehe
vermuten. Moses war verwitwet. Er war deutsch-national eingestellt. So stellte er
dem Flensburger Turnverein zeitweise Räumlichkeiten auf seinem Speicherboden
zur Verfügung, da der Verein von den dänischen Behörden schikaniert wurde (das war noch vor 1864).
Moses Hirsch war in erster Ehe mit Mirjam, verw. Levin, geb. Hesekiel, verbunden. Sie brachte zwei Töchter aus erster Ehe mit. Diese waren in Flensburg mit angesehenen jüdischen Kaufleuten verheiratet und damit versorgt.
Der Ehe von Moses und Miljam entstammten zwei Kinder, die früh verstarben.
Miljam lebte bis 1901. 1904 verlobten sich Moses und Rebecka, die religiöse
Hochzeit fand am 03.02.1905 in Elmshorn statt. Moses verstarb am 08.05.1910 in
Flensburg. Diese Ehe blieb somit ohne Nachkommen. Als Witwe erbte Rebecka
Vermögen und das Haus in der Roten Straße.
Die Ehe mit Christian wurde am 11.11. 1910 in Flensburg geschlossen.
Auffallend wieder der Altersunterschied.
Die gemeinsame Tochter Margarete Helga Zerline kam am 19.12. 1912 in Flensburg zur Welt.
Die Frage, warum und wie Staack zum Heilpraktiker wurde, kann bis heute
nicht beantwortet werden. Ungeklärt ist auch sein Lehrberuf, erhaltene Belege
deuten auf das Elektrohandwerk hin, sind allerdings so gut wie unleserlich.
Aus unbekannten Gründen wechselte der Wohnsitz jetzt häufig.
1912 verzog die Familie für 3 Monate nach Sleinbergholz in Angeln, nahe
Wippendorf, kehrte noch im gleichen Jahr zurück. In Steinbergholz ist der Name
Staack für diesen Zeitraum mehrfach belegt, eine familiäre Beziehung naheliegend. 1913 ein erneuter Umzug, diesmal für 7 Monate nach Glücksburg, Große Straße 34. Am 17.01.1914 erfolgte Ummeldung nach Apenrade, danach verliert sich vorübergehend jede Spur. Der Aufenthalt im damals preußischen Apenrade muss Eindrücke hinterlassen haben, jedenfalls wurden noch 1940 Weihnachtsgrüße ausgetauscht. Auch hier bleibt aber eine Unsicherheit, das Archiv in Apenrade verzeichnet keinen Umzug!
Der dortige Aufenthalt mag auch sein Kokettieren mit dem Dänentum erklären.
Es folgte ein erneuter Umzug. 1919 kehrt die Familie aus Kiel-Gaarden in die Rote
Straße zurück.
1923 kaufte Rebecka Staack das Hotel Zur Krone (24 Zimmer) in Bad Oldesloe. Ob Christian hier praktizierte, wissen wir nicht. Es war der Höhepunkt der Inflation und der kurzzeitig aufblühende Kurbetrieb Oldesloes befand sich bereits im Niedergang.
Bekannt ist. das sich in dem Gebäude ein Kino befand. 1925 beantragte Rebekka die Einrichtung eines Kinomatografen-Thealers.
1928 wurde an einen Wilhelm Müller verkauft. Das Haus in der Bahnhofstraße
18 wurde 1984 abgerissen.
1941 ist Familie Staack aus Hamburg-Eppendorf. Loogestieg 10, zugezogen
und ab dem 08.01. hier gemeldet. Über die Oldesloer und Hamburger Zeit ließen
sich keine weiteren Informationen finden.
Wie der Kontakt zu Erdmann hergestellt wurde, ist nicht überliefert. Zu den
Verkaufsbedingungen gehörte, dass die später so genannten Staack’sehen Tannen
mitgekauft werden mussten. Die wollten sie eigentlich gar nicht haben, aber hier
hieß es: Entweder – oder.
1940 war es Juden nicht mehr erlaubt. Immobilien zu erwerben.
Auch wenn Christian wohl gut verdient hat, wird er den Kaufbetrag nicht
unbedingt im Spartopf gehabt haben. Hier drängt sich die Mutmaßung auf. dass
Rebeckas Vermögen in die Kaufsumme einfloss, eine Art verlorener Zuschuss.
Ihr Geld w’ar praktisch gerettet, aber juristisch verloren. Nur der Grundbucheigentümer konnte darüber verfügen. Man könnte zynischerweise behaupten, hier sei
jüdisches Kapital arisiert worden. Es spricht aber auch für viel Vertrauen unter den
Ehepartnern.
Als Heilpraktiker verfugte Staack über einen beachtlichen Ruf. Seine Kunden
kamen aus Schleswig-Holstein, Hessen, Hamburg, sogar aus dem Ausland.
Aus Angeln ist folgendes überliefert:
Eine Lehrerwitwe aus Sörup erinnerte sich noch recht gut an Christian Staack.
Staack stellte ihrem Mann 1948 ein Leumundszeugnis aus. In diesem Papier berichtete er von einer freundschaftlichen Beziehung zu einem Bauern in Sörupschauby
(Schwager des Lehrers, Mitglied der SS). Er bestätigte ihm darin die nicht so starke
Hinwendung zum NS-System. mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass ihm der
jüdische Ehepartner (gemeint ist Rebecka) bekannt war mit der Bemerkung: Seiner
Lebenshaltung nach war er keine SS-Natur.
In den Lehrer- und Bauemfamilien sind noch weitere Erinnerungen vorhanden:
Die Frau des Landwirtes (Schwester der Lehrerwitwe) halte so allerlei Gebrechen und ließ sich von Staack behandeln. Sie reiste auch für einige Tage nach Lentföhrden, um sich dort wie in einem Sanatorium behandeln zu lassen. Es wurden auch homöopathische Mittel und Tees von dort bezogen. Staack wurde mehr als helfender Heilpraktiker anerkannt, persönlich schätzte man ihn nicht so sehr. Er sprach ein sehr falsches, dänisch klingendes Deutsch, über das man so seine Witze machte. Man meinte, er wollte sich damit nur aufspielen.
Für seine Behandlungsmethoden brauchte er ein großes Haus. Viele Patienten
blieben für zwei, drei Tage hier und kehrten dann zum großen Teil beschwerdefrei
zurück. Wenn er erkannte, dass er jemandem nicht helfen konnte, dann sagte er es
auch rundheraus und dokterte nicht unnötig an ihm herum.
Die Zeit des Nationalsozialismus brachte erhebliche Probleme auch für die
Familie Staack. Da Rebecka nach den damaligen Nürnberger Rassegesetzen Volljüdin war, erregte sie zwangsläufig das Interesse der Gestapo. Rebecka lebte in einer privilegierten Mischehe, was einen gewissen Schutz bot. Sie war damit also nicht direkt gefährdet. Trotzdem ging es nicht gewaltfrei ab:
Christian wurde bedrängt, sich von ihr zu trennen. Er war deswegen mehrfach in
Gestapo-Haft und wurde misshandelt. Zu einer Trennung kam es aber dank seiner
Standhaftigkeit nicht. Auch der Bürgermeister Hans Böge tat sein Möglichstes, um
die Familie zu schützen.
Tochter Helga hatte mancherlei freundschaftliche Beziehungen zu Kaltenkirchener Familien. Ihre Freundinnen und Freunde wurden vom dortigen Bürgermeister Blaszkowski gedrängt, sich von der Halbjüdin zu distanzieren. Ein Verlöbnis
mit einem Mitglied der Familie Offt wurde auf Druck der Nazis gelöst. Aufgrund
dieser Isolierung lebte sie zeitlebens sehr zurückgezogen. Helga wurde kriegsverpflichtel und musste in der Hitzhusener Sackhandlung arbeiten. Ihr Berufswunsch
war Ärztin, doch war es der gelernten Sprechstundenhilfe nicht erlaubt, Medizin zu
studieren. Ab 1939 war Mischlingen Ersten Grades das Studium untersagt.
Einen Vermögensverlust für die Familie gab es nicht, es wurde auch kein Antrag
auf Wiedergutmachung gestellt.
Die NS- und Kriegszeit war damit einigermaßen glimpflich überstanden.
Offenbar hat Christian Staack niemandem in seiner näheren Umgebung eine
NS-Zugehörigkeit persönlich verübelt. Schließlich war nahezu jeder irgendwie in
das System involviert. So ist überliefert, das alle hiesigen Ortsgruppenleiter der
NSDAP von der britischen Militärregierung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion
nach Neuengamme verbracht wurde. Die Umstände waren schlecht, es dauerte
lange, bis die Angehörigen von ihrem Verbleib erfuhren. Die Ernährungslage war
sehr mangelhaft. Durch die mitinhaftierten Lentföhrdener Landwirte gelang es,
Kartoffeln von hier nach Neuengamme zu schaffen. Maler Johannes Wrage befand
sich trotzdem nach seiner Rückkehr in einem lebensgefährlichen Zustand durch
Unterernährung. Staack gelang es, diesen Mann in kurzer Zeit wieder vollständig
aufzubauen.
Es gibt viele Erzählungen im Ort, die die Waldburg in Verbindung mit Blohm +
Voss bringen. Falsch ist, dass die Villa jemals von der Werft oder der Familie Ernst
Christian Voß gekauft oder genutzt wurde. Richtig ist, dass Alwine Voß, die zweite
Ehefrau von Ernst Voß, mit der Familie Staack freundschaftlich verkehrte und in
den Kriegsjahren häufiger zu Gast war. Geld ist nicht geflossen, Staacks waren
vermögend genug und gehörten zu den größten Steuerzahlern des Dorfes.
Viele Menschen verloren durch den Krieg Haus, Hof und Heimat.
Bedingt durch die verheerenden Luftangriffe auf Hamburg kamen nach und nach Ausgebombte ins Dorf. Und ab 1945 verstärkt auch Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten, die über die Ostsee evakuiert werden konnten. Über die Influx-Lager in Bad Segeberg und Pöppendorf wurden sie auf alle Gemeinden verteilt.
Natürlich musste auch Staack in seinem großen Haus Flüchtlinge aufnehmen
(sogar der Keller wurde bewohnt), war darüber aber alles andere als erfreut. Am
21.06. 1945 beschlagnahmte die Gemeinde 5 Zimmer für 18 Flüchtlinge als Wohnraum für das Kreiswohnungsamt.
Aber Staack (er galt als politischer Häftling) fühlte sich offenbar nicht gerecht behandelt. So musste der Bürgermeister am 28.05.1946 dem Oberkreisdirektor berichten:
Christian Staack bewohnt 11 Zimmer mit 6 Personen (Anm.: Familie und Personal)
mit 151 qm. Als Heilpraktiker muss er die Räume angeblich dringend gebrauchen.
Außerdem macht er geltend, durch die Nazipartei 12 Jahre lang geschädigt zu sein
u. längere Zeit in Haft war. Seine Frau ist Jüdin.
Sein Verhalten blieb nicht ohne Folgen. Es hagelte Beschwerden. So musste
die Gemeinde beispielsweise zweimal schriftlich anmahnen, die Flüchtlinge mit
Trinkwasser zu versorgen. Es gab ständige Querelen zwischen Staack, den Flüchtlingen und der Gemeinde. Ab dem 12.12. 1949 hatte das grausame Spiel endlich ein Ende: Sämtliche Wohnungen innerhalb der Villa werden unwiderruflich frei gegeben. Grund war ein Neubau mit 4 Wohnungen, den Staack erstellte und für Flüchtlinge zur Verfügung stellte. Dieses Gebäude existiert noch heule, wird in einer geplanten Erweiterung des Betriebes weichen müssen.
Gerechterweise muss gesagt werden, dass die Flüchtlinge nirgendwo wirklich willkommen waren. Schließlich hatte jeder selbst mit genug Problemen zu kämpfen. Schleswig-Holstein nahm, bedingt durch die Flucht über die Ostsee, überdurchschnittlich viele auf, die später teilweise auf das Bundesgebiet verteilt wurden. Konflikte konnten da nicht ausbleiben, herrschte doch überall spürbarer Mangel und auch die Wohnungen waren deutlich kleiner, als wir es heute gewohnt sind. Lentföhrden hatte 650 Alt-Einwohner und nahm 750 Flüchtlinge auf.
Christian Staack verstarb am 05.10. 1957, Rebecka überlebte ihn bis zum 19.03.
1960. Erst jetzt wurde Rebecka wieder Eigentümerin ihres Vermögens.
Beide fanden auf dem Kaltenkirchener Friedhof ihre letzte Ruhe.
Der Grabstein der Familie wurde aus einem der Findlinge gehauen, die am ehe
maligen Zufahrtsweg der Villa standen. Die Grabstätte wurde 1992 aufgelassen. In
natürlicher Erbfolge wurde Tochter Helga Eigentümerin, ebenfalls als Heilpraktikerin tätig. Für die alleinstehende Frau war das Haus zu groß. Sie baute sich einen
Bungalow auf dem früheren voll bewirtschafteten Garten der Waldburg. Die Villa
wurde wieder verkauft, die Tannen gingen an den Fiskus. 1975 verzog sie nach
Baiersbronn und ist dort verstorben.

 

Das Haus wird öffentlich
Im Sommer 1962 kamen Ingeborg und der gelernte Koch Gerd Eschwe von Bad
Bramstedt-Bissenmoor nach Lentföhrden. Er fuhr für die Deutsche Bundesbahn in
den Speisewagen der DSG. 1953 übernahmen sie dort eine Senioreneinrichtung
mit zehn Heimplätzen im ehemaligen Herrenhaus des Gutes Bissenmoor.
Um auf der ruhig gelegenen Waldburg ebenfalls eine solche Einrichtung zu
betreiben, musste umgebaut werden. Die alte, etwas verschlungene Zufahrt musste
durch den heutigen Weg ersetzt werden, um Rettungsfahrzeugen eine ungehinderte
Anfahrtsmöglichkeit zu bieten.
Die Villa wurde ab 1962 gepachtet, 1964 konnte er kaufen.
Im gleichen Jahr wurde das Gebäude vergrößert, das Dachgeschoss ausgebaut.
Eine teilbiologische Kläranlage und die Ölheizung folgten.
1968 wurde nochmals erweitert. Ein Bungalow für die Familie kam hinzu, in
dem auch Heimbewohner untergebracht waren.
Die Einrichtung konnte nun 35 Bewohner aufnehmen.
In der Zeit, als die Republik durch Studentenunruhen erschüttert wurde und
Springer brannte, dachte man auch weiterhin an Expansion.
Es war geplant, die Kapazität nahezu zu verdoppeln. Diesmal blieb die Baugenehmigung aus. der Großflughafen Kaltenkirchen-Holstenfeld befand sich in Planung. Der beschrittene Klageweg blieb erfolglos, obwohl es in Lentföhrden anders als in Nützen oder Heidmoor keinen Baustopp gab.
Eschwe ging nach Bad Bramstedt, hier konnte er seine Pläne verwirklichen. Die
dortige Einrichtung wird heute von der Tochter Grit Eschwe betrieben. Der hiesige
Betrieb wurde 1974 an Familie Schulz verpachtet, später verkauft.

Mit Schere und Schraubenzieher
Hier beginnt das vorerst letzte Kapitel in der Geschichte der Waldburg.
Edith Brecht (*1937) stammte aus Dreileben bei Magdeburg. Sie lernte Schneiderin in Berlin und traf hier auf den Büromaschinen-Mechaniker Harald Schulz.
Er stammte aus Landsberg an der Warthe (heute in Polen). 1959 gingen beide nach
Hamburg, hier wurde geheiratet.
Sohn Andreas kam 1963 zur Welt, Tochter Manuela 1969. Beide Kinder blieben
der Pflege treu, Andreas lernte Altenpfleger, Manuela wurde Arzthelferin.
1967 begann Edith Schulz ihre neue Laufbahn im Sozialbereich im Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll – in der Küche. 8 Wochen nach der Geburt von Tochter Manuela wurde sie als Stationshilfe eingesetzt. Auf diesem Weg lernte sie den Pflegebereich kennen.
Eine Ausbildung zur Krankenschwester kam für die dreißigjährige Mutter nicht
mehr recht in Frage. Sie wechselte in die Altenpflege und das gefiel ihr. 1971-1972
erhielt sie ihre Ausbildung zur Altenpflegerin.
Harald Schulz waren Büroabläufe nicht unbekannt. Er war Schulungsleiter bei
Rex-Rotary, einem internationalen Anbieter von Kopiersystemen. Durch diese
Tätigkeit waren ihm Verwaltungsaufgaben durchaus vertraut.
Damit waren die Voraussetzungen für den Schritt in die Selbständigkeit gegeben. Über das Sozialamt Bad Segeberg wurde der Kontakt zwischen Eschwe und der Familie Schulz hergestellt. Man wurde sich einig, es wurde renoviert. Am 01.01.1974, mit dem Beginn des Pachtvertrages, kamen die ersten Kunden.
1979 endete das Pachtverhältnis, jetzt konnte die Einrichtung gekauft werden.
Das Haus wurde wieder zu klein, 1996 wurde von bisher 35 auf nunmehr 60
Heimplätze erweitert. Eine weitere Vergrößerung der Einrichtung auf 100 Plätze
befindet sich aktuell in der Planung.
Der Betrieb wird heute in Form einer GmbH betrieben.
Hier endet nun vorläufig die Geschichte dieses Hauses in Lentföhrden.

 

 

 

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