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Die Erdhöhlenbewohner von
Lentföhrden
von Erwin Voß / Gertrud Schröder
Die letzten Höhlenmenschen bei
Hamburg von Horst Steffens
Bewohnte Erdhütten
von Wilhelm Loof
von Erwin Voß/Gertrud Schröder
Als
in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts viele Provinzialchausseen
ausgebaut wurden, musste man sich oft
das Material von weit her holen. Weil dies den Bau wesentlich verteuerte, ging
man daran, näher gelegene Lager zu suchen und auszubeuten. So fand man auch in
der Gemarkung Lentföhrden, östlich der Bahn, eben unter der Erdoberfläche
viele große und kleinere Findlinge. Eine Quickborner Firma übernahm die
Ausbeute dieses Lagers. Als Arbeiter wurden vorwiegend Handwerksburschen
eingestellt. Hier wurden sie allgemein die "Monarchen" genannt. Zuerst
wohnten sie im Gasthaus "Stadt Kiel" in Langeln, etwa 10 km von der
Arbeitsstelle entfernt. Das Mittagessen wurde dort in einer Gemeinschaftsküche
gekocht und ihnen mit einem Handwagen nachgebracht. Weil aber vielen von den
schon teilweise älteren Leuten der tägliche Anmarschweg zu weit war, siedelten
sie sich nach und nach hier an. Da sich die "Monarchen" auf Grund
langer Erfahrungen darüber klar waren, dass von dem verdienten Geld außer für
Alkohol nur noch etwas für das tägliche Essen übrigbleiben würde, mussten
sie sich nach einer eigenen Behausung umsehen. Zu dem Zweck bauten sie sich
Erdhütten. Man kann wohl sagen, dass damit die eigenartigste Siedlungsform
begann, die Lentföhrden je erlebt hat. Die Hütten entstanden hauptsächlich in
den Eichenkratts am Nützer Weg und an dem den Wiesen zugekehrten
Waldburgabhang. Einer dieser Arbeiter war verheiratet, es war Karl Haupt. Weil
er aus Sachsen war, wurde er kurz "de Sachs" genannt. Von seiner Frau
wird erzählt, dass sie ihm im Trinken nichts nachgab.
Die
damals geworbenen Steine wurden an Ort und Stelle geschlagen und mit
Pferdefuhrwerken an den Verwendungsplatz gefahren. Der Waldburgweg führte
damals noch über den Wessel'schen Hof (heute
Heinrich Böge), der dann auch von den dauernden schweren Lastfuhren
dementsprechend zerfahren war.
Im vorigen Jahrhundert entwickelte sich auf
vielen Gebieten ein Wirtschaftsaufschwung, der in den Städten am
ausgeprägtesten im Hochbau und auf dem Land im Tiefbau besonders augenfällig
wurde. In unserem Bereich erreichte die Aufwärtsentwicklung einen Höhepunkt,
als der dänische Staat in Schleswig-Holstein eine Überlandstraße von Altona
nach Kiel errichtete. Der Meilenstein
im Ort trägt die Jahreszahl 1832 und den Namenszug des dänischen Königs
Frederic VI. Es liegt auf der Hand, daß bei der damaligen Bauweise, wo alles in
Handarbeit geleistet wurde, eine Unzahl von Arbeitern und Material benötigt
wurde. Der erforderliche Kies, Sand und Schotter wurde mit Spitzhacke, Spaten
und Schaufel geworben.
In Lentföhrden wurde damals im Gebiet um die
Waldburg und Hinrichshöh ausgebeutet. Diese Arbeit zog natürlich viele
Arbeiter aus
anderen Ländern und allen möglichen Berufen nach hier. Eine der größten
Firmen, die am Bau der B4 beteiligt waren, war das Unternehmen Alex Grund aus
Altona, das zeitweilig mit bis zu 80 Pferden am Bau tätig war. Stationiert
waren diese Gespanne mit den Kutschern auf dem jetzigen Hof von Herbert Böge,
auf dem damals eine Gastwirtschaft betrieben wurde.
Ein Problem war die Unterbringung der
Arbeitskräfte, denn viele Abenteurer, die sich, um billig unterzukommen,
einfache Höhlen mit primitiven Dächern bauten, um dort zu leben und zu
übernachten. In den folgenden Jahrzehnten sollen sich 50 - 60 Höhlen,
vor allem in dem oben bezeichneten Gebiet, befunden haben. Da sich auch Frauen in
diesen Höhlen mit ansiedelten, wurden auch kleine Gärten angelegt, um
Kartoffeln und Gemüse zu erzeugen. Auch das Äußere der Hütten wurde zum Teil
Blumenkästen und anderen Dingen geschmückt.
Nach Fortfall größerer Arbeitsvorkommen, vor
allem des Straßenbaus, der Regulierung der Ohlau und der Ausbeutung der
Kiesflächen, zogen dann die meisten wieder ab. Die Hütten verfiele, daß nach
dem l. Weltkrieg nur noch einige intakte Hütten bewohnt wurden.
Auf den Schulwanderungen kamen die Kinder über
den Wiesenweg, an dem sich einige
Ruinen befanden, zu einer Hütte, die sich etwa auf dem heutigen Grundstück
Pieske befand. Sie wurde bewohnt von dem Monarchen, so wurden sie damals
bezeichnet. Ernst Adler, der von Beruf Anstreicher war und bei vielen Bauern zum
Kalken der Stallungen herangezogen wurde. Seine Hütte befand sich etwa 1,5
Meter tief in der Erde und hatte zwei Räume, die Küche und den Wohn- und
Schlafraum. Er zeigte gerne seine blumengeschmückte Hütte und unterhielt sich
gern mit den Kindern. Mit seinem wallenden Vollbart war er für die Kinder eine
Art Märchenfigur, der sie für seine Gastfreundschaft auch gern einige Pfennige
stifteten.
Eine andere Hütte befand sich in dem Gehölz
hinter Slenska an der Kaltenkirchener Straße und wurde von Heinrich
Scharpfenberg bewohnt, Er stammte aus einer Kapitänsfamilie und führte ein
stilles Leben in seiner Einsamkeit.
Der
letzte Vertreter dieser Erdhüttenbewohner war der alte Adler, der sein Leben
mit Flechten von Mulden und Körben sowie dem Verkauf von Ansichtskarten seiner
Hütte fristete.
Ernst Adler betrieb in seinen letzten
Lebensjahren, nach dem Bau der Rheumaheilstätte in Bad Bramstedt, einen
schwunghaften Handel mit den Karten, die das Bild seiner Hütte zeigten. Anfang
der 30er Jahre war ein Spaziergang der Kurgäste zu seiner romantischen Hütte
ein Erlebnis. Er
starb erst um das Jahr 1930.
Der romantische Eindruck trügt: Ohne medizinische Versorgung
und unter unhygienischen Bedingungen trotzten viele Bewohner dem
harten Leben mit Alkohol. So berichtete das „Segeberger Kreis- und
Tageblatt" 1911 über „Monarch Tetje". Er wurde in ein Krankenhaus
eingeliefert, aber ihm habe „eine reinliche Behandlung und das
gänzliche Fehlen geistiger Innenbeleuchtung nicht sonderlich behagt,
denn er rückte gestern aus ..." Bald danach verstarb der Mann.
Nach dem Tod dieser letzten Monarchen verfielen
ihre Wohnstätten. Eine Ära, die man sich heute kaum noch vorstellen kann, ging
damit zu Ende.
Die Kaltenkirchener Bahn hat auf
ihrem Werbeprospekt als größte Sehenswürdigkeit der Station LENTFÖHRDEN die
Höhlenbewohner angegeben, Grund genug für mich, der Sache nachzugehen. Komme
also an einem schönen Morgen nach vielen Irrfahrten und vielen Fragen in ein
kleines Eichenwäldchen vor dem Dorfe, werde von einem ganz trötigen Köter
angefallen, der aber energisch von einem alten Mann mit Patrichartenbart
zurechtgewiesen wurde. Das war der Dorfsteher dieses seltsamen
Höhlenbewohnerdorfes, das jetzt leider nur zwei Bewohner zählte. Wohnungsnot war
freilich nicht vorhanden, überall durch die Büsche schimmerten die Erdhütten,
die wir vom Kriege noch als Fliegenbunker kannten.
Nach der üblichen Dorftellung
wurde ich von dem Alten, der schon länger als 30 Jahre ortsansässig ist,
eingeladen, sein Heim zu besehen. Was mir äußerlich sehr sympathisch war, war
die große Blumenliebe und die peinliche
Sauberkeit in den Gärtchen um die Hütten
herum. Es war gerade die Stiefmütterchenzeit, und der Alte hatte in seinem
Garten wirklich eine Pracht davon; die Beete waren mit ---- Steinen eingefasst.
Zur Hütte führte eine Telephonimitation, am anderen Giebel war ein Katzenauge
(ohne Prüfnummer) für wildgewordene Autos. In der Hütte ein Wohnraum mit
selbstgezimmertem Tisch, eine Küche mit Brennhexe und ein Schlafraum. Im Winter
sind diese Behausungen sehr gemütlich und warm, nur im strengen Winter 1928/29
hat der Alte frieren müssen, aber nicht wegen der großen Kälte, sondern weil
sein Bau noch nicht ganz ausgetrocknet war und nun nasskalt war.
Und das Leben dieser Leute? Der
Alte erzählte, dass er schon länger als 30 Jahre hier gehaust hätte. Er war
Maler aus Sachsen; er arbeite noch mit seinen 70 Jahren in Kaltenkirchen. Es
gefällt ihm hier so gut, dass er hier bis an sein Ende bleiben will, wenn er
zuletzt auch nur ganz allein hausen müsste. Vor dem Kriege ist die Siedlung in
größter Blüte gewesen, 30 Hütten und mehr. Sie haben auf den Bauernkoppeln die
Steine ausgegraben, zerschlagen und als Baumaterial an die Chausseeverwaltungen
verkauft; jetzt werden die Steine aber billiger von den großen Steinbrüchen
Mitteldeutschlands bezogen, so dass die Arbeit nicht mehr lohnt. In der
Blütezeit sind regelrechte Straßen und Plätze dagewesen: Alexanderplatz, St.
Pauli, Reeperbahn, Unter den Linden, Kurfürstendamm und andere berühmte
Straßennamen, der jeweiligen Heimat der Anlieger entnommen. Täglich ist auch die
Polizei gekommen und hat Volkszählung gehalten. Die Bewohner haben unter sich
auch ihre besonderen Rufnamen gehabt, so ist da eine zeitlang ein ROTHSCHILD
gewesen, in der Tat ein „stein“-reicher Mann. Frauen sind in der Kolonie nicht
geduldet worden. Der Erlös aus dem Steinhandel ist wohl vielfach nach der Arbeit
verteilt worden: 95 % Branntwein und 5 % Brot („Minsch wat wullt mit all dat
Brot“). Das war die Blütezeit dieser Siedlung; jetzt sind nur noch zwei Bewohner
da, der Maler und der andere, der in einer Zementsteinfabrik arbeitet. Was ich
erwartet hatte zu finden? Monarchen; was ich fand? Ordentliche Leute, die sich
durch ihrer Hände Arbeit nährten und hier, wenn auch ein etwas seltsames, so
doch ein ordentliches Leben führten.
Bewohnte Erdhütten
Von Wilhelm Loof:
Illustrierte Zeitung, Nr.3201 vom 3.11, 1904, S.662
An der Eisenbahnstrecke von Altona nach Bramstedt (Holstein) liegt als vorletzte
Station das kleine Dorf Lentföhrden. Kurz vor der Haltestelle führt ein Feldweg
über das Bahngleis hinweg nach Osten. Zur rechten Hand dehnen sich grüne Wiesen
aus, zur linken zieht sich eine mit Tannen und Laubwald bestandene Anhöhe hin.
Aus den Büschen aber grüßen uns nach einet- Wanderung von kaum fünf Minuten
kleine merkwürdige Bauten entgegen. Wie kommen sie hierher, und was bedeuten
sie? Unwillkürlich drängt sich dein Beschauer diese Frage auf die Lippen. Und
die Antwort lautet: Es sind die von Menschen bewohnten Erdhütten.
Wie schon der Name besagt, sind sie fast ganz aus Erde erbaut; kein Stein und
kein Mörtel hat Verwendung gefunden. Beim Bau einer Hütte wird der Erdboden
ungefähr 1m tief ausgehoben und über der Grube der Oberbau aus starken
Baumstämmen und Asten in Form eines Daches errichtet. Das so entstandene Gerüst
wird mit den Zweigen der gefällten Bäume dicht belegt und diese wieder mit Erde
und Rasen schichten (in der plattdeutschen Sprache Bült genannt) bis zu 50 cm
Stärke bedeckt. Der Regen dringt hier nicht hindurch, und das Dach bildet im
Sommer stets eine grüne Grasfläche. Die Innenwände werde vollständig mit Säcken
ausgeschlagen, um ein Durchbröckeln und Herabfallen von Sand und Erde zu
verhüten.
Der größte Teil der Hütte wird von dein Bett, das aus starken Baumstämmen
gezimmert ist, eingenommen. Zur Füllung desselben benutz man die zahlreich im
Walde wachsenden Farnkräuter, die auf diese Art eigentlich einen doppelten Zweck
erfüllte. Während sie einesteils, in Säcke gestopft, als Unterlage dienen und
den Strohsack ersetzen, solle sie andernteils Insekten und Ungeziefer, die den
Geruch des getrockneten Farnkrautes nicht ertragen können, aus der Hütte
fernhalten. Der übrige Teil des Innenraums wird durch einen selbstgefertigten
Stuhl oder eine Bank und durch einen aus Feld- oder Ziegelsteinen
zusammengesetzten Herd ausgefüllt, so daß nur noch ein kleiner Gang frei bleibt.
Als Schornstein dient ein altes schadhaftes Ofenrohr, das durch das Dach geführt
ist. Um das Eindringen der Kälte zu verhüten, sind s wenig als möglich Öffnungen
angebracht; in den meisten Hütten fehlen daher Fenster und Schornstein
vollständig. Die Tür, die aus alte Brettern verfertigt ist, wird im Winter noch
dicht mit Säcken überkleidet. Die schönste und sauberste Hütte zeigt uns die
zweite Abbildung. Hier erblicken wir Gardinen, ja selbst ein paar Blumentöpfe
vor den Fenster. Dagegen ist die Hütte der dritten Abbildung eher als Erdhöhle
zu bezeichnen. Ihr Dach ragt kam über der Erdoberfläche empor; als Dachfirst hat
eine alte Eisenbahnschiene Verwendung gefunden, fit der Schornstein ist aus drei
bodenlosen Blecheimern gebildet, die kunstgerecht übereinander getürmt sind. Vor
den Hütten sind kleine Blumen- und Gemüsegärten angelegt, auf welche die
Besitzer sehr viel Mühe verwenden; doch werden leider öfter die Pflanzen von
böswilliger Hand abgerissen oder von den zahllos in den Wäldern hausenden wilden
Kaninchen abgefressen.
Die Bewohner der Hütten stammen fast alle aus dem Osten unser Vaterlands. Sie
finden Beschäftigung in einem Steinbruch und verdienen im Sommer bei schwerer,
zehnstündiger Arbeit und Selbstbeköstigung 2 M täglich. Zum Mittagsmahl haben
sie nur eine Stunde Zeit ihre Speisen kochen sie daher gewöhnlich am Abend für
den folgend Tag fertig. Sie brauchen weder Miete noch Steuern zu zahlen. Ihre
Behausung dient ihnen fast nur zum Schlafen und im Winter zum Schutz gegen die
Kälte. Warm allerdings, aber auch recht dumpfig ist es während der kalten
Jahreszeit in einer Erdhütte. Und doch wohnen einige Leute schon über fünfzehn
Jahre in einem Bau und sind munter dabei. An schönen Sommermonaten versammeln
sich die Hüttenbewohner häufig im Walde und singen mehrstimmige Wanderlieder,
wobei der Rest des Wochenlohns vertrunken wird. So sind sie mit ihrem Schicksal
zufrieden.
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